Als Unternehmerin, Verwaltungsrätin, Autorin und EMBA Studiengangsleiterin hat Sunnie J. Groeneveld alle Hände voll zu tun. Letzte Woche war sie beispielsweise am WEF und CERN unterwegs und tüftelte mit 20 EMBA Studierenden an neuen Digital Business Cases. Für die Digital Minds Society hat sie sich trotzdem Zeit genommen und zehn spannende Fragen beantwortet.

Stell dich und deine Beratungsfirma Inspire 925 bitte kurz vor.

Ich führe das Beratungsunternehmen Inspire 925 und begleite Firmen bei digitalen Transformationsprojekten, insbesondere mit einem Fokus auf das Thema Kulturwandel und Mitarbeiter-Engagement. Darüber hinaus leite ich zusammen mit Manuel P. Nappo einen neuen Studiengang an der HWZ, den Executive MBA in Digital Leadership. Zusätzlich bin ich bei vier mittelgrossen Firmen im IT, Medien-, Ingenieur- und Versicherungswesen im Verwaltungsrat engagiert, mit einem Fokus auf Strategie- und Digitalisierungsthemen.

Was ist eure Mission bei Inspire 925?

Unsere Mission ist es, eine “inspiriertere” Arbeitswelt zu kreieren.

Was ist bei digitalen Transformationsmandaten aus eurer Erfahrung eine der grössten Herausforderungen?  

Die grössten Herausforderungen bei Transformationsprojekten liegen oft bei der Führungskultur.  Es gilt von einem Führungsstil wegzukommen, bei dem man als eine Art Kommandant agiert, der über alles Bescheid weiss und keine Fehler macht. Führungskräfte müssen sich vermehrt als Coach verstehen und sich vor allem auch dadurch auszeichnen, dass sie zur richtigen Zeit die richtigen Fragen stellen. Man kann angesichts der heutigen Informationsflut nicht mehr alles wissen. In der Schweiz gibt es noch zu wenig Führungskräfte mit diesem neuen Selbstverständnis.

Welchen Rat kannst du Organisationen geben, die ein digitales Transformationsprojekt starten?

Ganz generell würde ich raten, den strategischen Fokus bei der digitalen Transformation zuerst auf den Menschen und dann auf die Technologien zu legen. Denn mit dem technologischen Wandel geht auch ein Kulturwandel einher; letzterer sollte gleichermassen gemanagt werden. Wenn beispielsweise eine neue AI-unterstützte Kollaborationsplattform eingeführt wird, die ein besseres Knowhow-Management und eine stärker vernetzte Zusammenarbeit ermöglichen soll, verändert das indirekt die Organisationsstruktur, das Hierarchieverständnis und die Kommunikationsdynamiken im Unternehmen. Gemanagt wird aber oft nur der Roll-out der IT-Plattform, nicht aber der damit einhergehende Kulturwandel.

Wie schätzt du die momentane Situation in Sachen Digitalisierung in der Schweiz ein?

Wir leisten sehr gute Arbeit an der Basis, das heisst in der Forschung und Entwicklung. Das Web wurde zum Beispiel in der Schweiz erfunden, am CERN in Genf. Darauf dürfen wir sehr stolz sein. Ein grosser digitaler Player wie Google betreibt in Zürich seinen grössten Forschungsstandort ausserhalb der USA und expandiert weiter, weil wir ausserordentliche Talente ausbilden und dank ETH, EPFL sowie unseren Fachhochschulen sehr gut aufgestellt sind. IBM und Disney unterhalten hierzulande ebenfalls Forschungszentren, Huawei stockte 2019 auf. Auch die Startup-Szene im Digitalbereich wird stärker, was man unter anderem auch daran sieht, dass mehr investiert wird. Noch nie wurde beispielsweise soviel wie 2019 in Schweizer Startups investiert.

Wo siehst du „The Next Big Thing“ in der digitalen Welt? 

Meiner Ansicht nach gibt es nicht den einen Trend, der die nächste Dekade prägen wird, sondern es geht um die Kombination verschiedener disruptiver Technologien, die zusammenwirken. Wie beispielsweise die Kombination von Machine Learning, AI und Robotics. Der Mensch wird das in der kommenden Dekade am stärksten in der Arbeitswelt merken, und zwar ganz grundlegend darin, wie wir zusammenarbeiten werden, wie wir miteinander kollaborativ Dinge anpacken. Sei es, dass wir geografisch komplett verteilt sind, sei es, dass wir mit Maschinen enger zusammenarbeiten oder anders zusammenarbeiten. Vielleicht ist also das Trendthema für die nächsten zehn Jahre: the Future of Work. 

Soeben startete die erste Durchführung deines neuen EMBA Programms in Digital Leadership an der HWZ. Was war deine Motivation diesen Studiengang zu lancieren?

Noch nie hat sich unsere Realität so rasant verändert wie heute. Neben der globalen Machtverschiebung hin zu einer multipolaren Welt sind vor allem neue Technologien der Haupttreiber. Die Unaufhaltsamkeit und Irreversibilität dieses Wandels brachte Prof. Joël Mesot zum Ausdruck, als er bei seinem Amtsantritt als Präsident der ETH Zürich von einem «digitalen Tsunami» sprach, der auf uns zurolle. Die digitale Transformation unterscheidet sich jedoch in einem wichtigen Punkt von einem Tsunami: Es handelt sich um keine unkontrollierbare Naturgewalt, sondern um einen von Menschen gemachten Wandel. Ein Wandel, der zwar gewaltig ist, aber auch mitgestaltet werden kann – von jedem. Deshalb ist es für unsere Zukunft entscheidend, dass wir möglichst viele Digital Leader haben, also qualifizierte, vorausschauende Mitgestalter in Führungspositionen. Wenn die Schweiz in den kommenden Dekaden immer noch so wohlhabend, wettbewerbsfähig und innovativ sein soll wie jetzt, muss ein ganzheitlicher Wandel stattfinden können. Und dafür müssen wir die Spitzenpositionen unserer Organisationen mit Digital Leaders besetzen. Deswegen habe ich den Studiengang zusammen mit mit Manuel P. Nappo lanciert.  

Was dürfen die Teilnehmenden erwarten?

Der Executive MBA – Digital Leadership bietet visionären Führungskräften mit digitalen Ambitionen ein kompaktes 16-monatiges, berufsbegleitendes Executive-Programm an. Eine eigene organisierte TEDxHWZ-Konferenz, eine Innovation Challenge inklusive Pitch und möglicher Anschubfinanzierung für die eigene Geschäftsidee, individuelles Coaching sowie drei Studienreisen (USA, CHN, CH) sind die Highlights dieses Studiengangs. Die Anzahl Teilnehmende ist auf 20 limitiert. Das Executive-Programm richtet sich an praxisorientierte, motivierte Führungskräfte mit ausgewiesener Berufserfahrung, die ihr Wissen über digitale Technologien und neue Führungsansätze vertiefen und eine digitale Vision für ihre Organisation entwickeln möchten. 

Du trittst regelmässig auf. Welches sind die nächsten grossen Anlässe, wo du dabei bist? Und wo kann man sich anmelden?

Für 2020 stehen unter anderem die SAP NOW Basel 2020 im März an, welche ich moderieren werde, sowie der eco2friendly Day im Juni, wo ich ein Referat halten werde. Für beide Events sind Tickets auf den jeweiligen Webseiten verfügbar. Ausserdem sind einzelne Events im Ausland geplant; im März werde ich anlässlich des Forbes Women’s Summit in Wien auftreten und im November moderiere ich den Investor Summit in Liechtenstein.

Woraus schöpfst du persönlich Inspiration? 

Ich habe viel Freude daran, gemeinsam mit anderen Menschen Neues zu gestalten, aber auch für andere Möglichkeiten zu kreieren, mitzugestalten. Ich arbeite deswegen gerne mit verschiedenen Unternehmen zusammen, sei es in Startups oder mit Grossunternehmen, um deren Unternehmenskultur dahingehend zu formen, dass die digitalen Themen für alle zugänglich werden und so auch mehr Menschen einen Beitrag leisten können. Was mich inspiriert, ist, andere zu treffen, die auch diesen Funken in sich tragen und gemeinsam etwas vorantreiben wollen. Ich glaube, das ist die grösste Inspirationsquelle am Schluss: der Mensch.